Stoppt die Schwarzblaue Regierung!* Chronologie des Widerstands in Graz / 2006

 













 

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ACHTUNG: Dies ist der letzte Bericht der unter dieser Rubrik veröffentlicht wurde. Die "Chronologie des Widerstands in Graz" bleibt aber weiterhin als Archiv online und so für Interessierte zugänglich.
Aktuelle Berichte zu Aktionen in Graz findet ihr auf unserer
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Für Grazer Verhältnisse erstaunlich vielfältige Aktionen fanden zwischen 20. April und 22. April anlässlich des Treffens der EU-WettbewerbsministerInnen im Congress statt.

Am 20. April trafen sich ca. 30 Leute zu einer „Party gegen Wettbewerb und Kapitalismus“ abends im Stadtpark, von denen sich der Großteil gegen halb zehn Uhr entschloss, zu einem spontanen Spaziergang in die Innenstadt aufzubrechen. Mit Trommeln und Sprechchören zogen 20-30 Personen zunächst zum Karmeliterplatz, wo um diese Zeit ein Empfang der EU-Minister in der „Alten Universität“ stattfand. Ein beachtliches Aufgebot an EinsatzpolizistInnen riegelte den Zugang zum Platz ab, so dass es angesichts der Kräfteverhältnisse bei einer Lärmkundgebung zwischen den Postenketten blieb. Danach bewegte sich der Zug durch die Sporgasse zum Hauptplatz, weiter durch die Herrengasse und die Gleisdorfergasse auf den Glacis.
Die Einsatzpolizei schien sich entschieden zu haben, die Spontandemo zu dulden, da sie die Gruppe zwar begleitete, aber bis auf einen kleinen Zwischenfall auf einer Kreuzung nicht eingriff. Entsprechend überrascht waren die DemonstrantInnen daher, als gegenüber der Oper, bei einem Aufenthalt am Glacis, die Situation auf einmal eskalierte: Ohne eine einzige Aufforderung auszusprechen, sich aufzulösen oder ähnliches, stürmten EinsatzpolizistInnen auf die Straße und nahmen sieben Leute in brutaler Weise fest: Drei Demonstranten wurden zu Boden gerissen und in Handschellen weggezerrt, obwohl sich niemand wehrte. Nach der Aufnahme der Personalien für diverse Anzeigen durften alle Festgenommenen bis auf einen, der erst später freigelassen wurde, wieder gehen. Zu guter Letzt nahm die Polizei auch noch die Personalien eines Journalisten auf, der die Kundgebung und den Polizeieinsatz dokumentiert hatte…

Am 21. April gehörte die Innenstadt den Infoständen und Gegenkundgebungen zum EU-Treffen: An der Hauptbrücke fand eine Aktion von „Attac“ statt, vor dem Landhaus betrieb die SJ einen Infostand. Am Hauptplatz war Mayday mit einem Strassentheater zum Thema Migrationspolitik der EU und Battle Groups aktiv:
Ein Rekrutierungsbüro der EU prüfte Freiwillige auf ihre Eignung als Mitglieder einer „Battle Group“ oder des EU-„Migrationsmanagements“ in Afrika. Nach bestandenen medizinischen, körperlichen und ideologischen Tests wurden die RekrutInnen mit den Worten vereidigt: „Ich gelobe, mein Leben einem wettbewerbsfähigen Europa zu widmen. Ich werde mit der Waffe in der Hand das Wohl von Siemens, OMV und Shell schützen. Ich schwöre, zu töten, zu foltern und Bomben zu werfen, wenn es die Interessen der europäischen Wirtschaft verlangen. Ich bin bereit, die europäischen Außengrenzen mit dem Blut tausender Flüchtlinge zu verteidigen. Eine Weltmacht Europa ist mehr wert als mein Leben und das unzähliger anderer.“
Dazu wurden Flugblätter verteilt, andere AktivistInnen hatten eine Vokü vorbereitet, die guten Anklang fand. Die Zahl der PassantInnen, die stehenblieben, um sich das Straßentheater anzuhören, war dabei erstaunlich groß. Einzig die Polizei nervte wieder einmal, indem sie eine Anzeige ankündigte, weil zwar wie angemeldet um punkt 18 Uhr die Aktion beendet wurde, aber der Abbau noch längere Zeit in Anspruch nahm.

Der 22. April stand ganz im Zeichen der Großdemonstration:
Die Demonstration „Gegen neoliberalen Wettbewerb – für eine solidarische Gesellschaft“ war vom „Aktionsbündnis Solidarität“, dem Parteien, Gewerkschaften und NGO’s angehörten, organisiert worden. Im Vorfeld zeichnete sich dabei die SPÖ durch einen besonderen Akt von Feigheit aus: Wenige Tage vor der Demo zog sie sich samt diversen Teilorganisationen aus dem Bündnis zurück, da sie die Anwesenheit von „gewaltbereiten Autonomen“ aus Slowenien und Kroatien befürchtete. Diese Information glaubte SP-mensch der Homepage von Mayday entnommen zu haben, wo doch tatsächlich die Abfahrtszeiten der Züge nach Graz aus verschiedenen Städten – darunter aus Maribor – angegeben waren.
„Autonome“ fanden sich dann am Treffpunkt tatsächlich einige ein, jedenfalls genug, um unter den ca. 500 TeilenehmerInnen mit linksradikalen Sprechchören aufzufallen („Wir sind geboren um frei zu sein. Kapitalismus sperrt uns ein!“, „No border no nation – no nation no border“, „One solution – revolution!“, „Hoch die antinationale Solidarität!). Für eine lautstarke Demo sorgten außerdem TrommlerInnen, eine Musikgruppe und der kleine, aber sehr aktive Pink Silver Block. Mit dieser Eigendynamik der Demo hatten die OrdnerInnen des Bündnisses offenkundig einige Probleme, vor allem wenn ein Lied oder Sprechchor nicht sofort abgebrochen wurde, wenn wieder eine Redner/eine Rednerin auf dem Programm stand. Auch ungeplante Zwischenaufenthalte – wie eine Performance von Pink Silver vor einer Polizeisperre – verunsicherten die TrägerInnen der roten Ordnerschleifen und motivierten sie zu einem Eingreifen, das unter anderen DemonstrantInnen Unmut auslöste.
Die Redebeiträge reichten thematisch von der Privatisierung der Post über prekäre Arbeitsverhältnisse zur geplanten Liberalisierung der Dienstleistungen bis zu allgemeiner Kritik an der EU-Politik. Die Schlusskundgebung vor dem Landhaus mit zahlreichen RednerInnen war allerdings eindeutig zu lang, insbesondere nachdem sich herumgesprochen hatte, dass die Pressekonferenz der EU-MinisterInnen zum einen zeitlich vorverlegt, zum anderen örtlich vom Landhaus ins Rathaus verlegt worden war.
Dass diese wachsende Ungeduld der auch innerhalb der Demo anwesenden Staatspolizei entging und die Einsatzleitung bereits zur Einschätzung gekommen war: „Es wird nix mehr passieren“ (Zitat aus der Einsatzleitung) zeugt von einer peinlichen Fehleinschätzung der Lage. Im selben Moment, als das Bündnis die Kundgebung offiziell für aufgelöst erklärt hatte, forderten einige DemonstrantInnen zum Weitergehen auf. Gut 200 Leute setzten sich daraufhin Richtung Hauptplatz in Bewegung. EU-MinisterInnen waren zu diesem Zeitpunkt allerdings weder im Rathaus noch im Congress mehr anzutreffen, daher zog die Spontandemo zum Andreas-Hofer-Platz, in dessen Nähe sich die Hotels Weitzer und Wiesler befinden, wo die MinisterInnen Quartier bezogen hatten.
Eine hoffnungslos überforderte und sichtlich falsch koordinierte Polizei versuchte mehrmals, den Zug aufzuhalten. Doch die Gruppe am Fronttransparent durchbrach die von nur wenigen Uniformierten errichteten Ketten ohne größere Probleme. Dennoch dürfte am Andreas-Hofer-Platz einigen Leuten, die einfach ohne viel zu überlegen mitgegangen waren klargeworden sein, dass Spontandemo auch Konfrontation bedeuten kann, da dort die ersten die Demo wieder verließen.
Das Hotel Weitzer lag bereits ziemlich verlassen da, daher schwenkte die Kundgebung zum Wiesler um, wo noch „kostbare“ Gäste anwesend waren. Trotz einer immer hektischer agierenden Polizei gelang es der Fronttranspi-Gruppe bis drei Meter vor den Hoteleingang zu gelangen und dort Sprechchöre zu rufen. Dort erst war ein Trupp EinsatzpolizistInnen präsent, der die DemonstrantInnen schließlich zurückstieß und -drängte. Die Demo zog daraufhin erneut zum Hauptplatz; leider wurde sie kurz nach dem Wiesler auseinandergerissen, da die SJerInnen sich entschlossen hatten, die Demo zu verlassen und dabei den hinteren Teil der DemonstrantInnen vom Rest abschnitten. Am Hauptplatz herrschte daher kurzfristig Ratlosigkeit, da einige Leute dort bleiben, andere warten, wieder andere weitergehen wollten, und zusätzlich die Polizei erst einen Kessel aufbaute und dann abbrach. Schielßlich zogen noch ca. 50 Leute über die Sporgasse hinauf zum Stadtpark, wo es ein nettes, von einem Sixpack Einsatzpolizei misstrauisch beäugtes Chillout auf der Forumswiese gab.

Auch dezentrale, teils anonyme Aktionen fanden während der drei Tage statt: Einzelpersonen, die Wohnungen in unmittelbarer Nähe von Tagungsorten oder MinisterInnenempfängen hatten, hängten Transparente aus ihren Fenstern.
In der Nacht von Freitag auf Samstag sperrten AktivistInnen mit rot-weiß-roten Bändern und Schildern „Achtung. Sperrzone wegen EU-Ministertreffen. Zutritt nur mit Sondergenehmigung“ (deutsch und englisch) Kreuzungen und Straßen ab. „Die Grazer VerkehrteilnehmerInnen reagierten autoritätshörig wie erwartet: Brav drehten sie um, warteten auf bessere Zeiten, einschließlich eines Polizeiautos, dass ebenfalls vor dem rot-weiß-roten Band mit Kartonschild anhielt, und ganz Mutige hoben rasch das Band, um unterhalb durchzufahren, selbstverständlich erst, als sie sich unbeobachtet glaubten...“ (Bericht auf Indymedia)
Weiters berichteten Leute, dass sie höchst offiziell aussehende Flyer des Grazer Magistrats auf Autos gefunden hatten: Demnach suchte die Stadt für die Zeit des EU-Treffens „Sicherheitswarte“, die – mit Kameras ausgerüstet und gegen eine großzügige Entlohnung – bereit wären, verdächtige PassantInnen und Gepäcksstücke zu durchsuchen, um die Sicherheit der EU-MinisterInnen zu gewährleisten. Dafür wurde ihnen der „Kleine Panther für besondere Verdienste um das Land Steiermark“ in Aussicht gestellt.
Alles in allem: für das sonst so ruhige Graz eine beachtliche Zahl an Aktivitäten. Selbst wenn nicht alles so geklappt hat, wie mensch es sich gewünscht hätte, es war Vielfalt und Phantasie dabei und eine gewisse Bereitschaft, sich auch das Recht auf unkonventionellen Protest zu nehmen.

MayDay 2000 ruft weiterhin zum Widerstand auf! Stoppt Schwarz-Blaues Regieren! Gegen Sexismus, Faschismus und Sozialabbau! Immer und überall!




* die Widerstandschronologie wird so lange so heissen, solange eine ÖVP-FPÖ Koalition regiert.
Interessante Aktionen, Demos etc. von denen wir erfahren werden hier festgehalten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.