Absage des Vortrages "Krise und Perspektiven der Linken"

Wir haben heute beschlossen, den für 13.3. geplanten Vortrag "Krise und Perspektiven der Linken" abzusagen. In der folgenden Stellungnahme erklären wir, warum wir uns dazu gezwungen sahen:

Am Samstag, den 13.3., sollte in Graz der Vortrag „Krise und Perspektiven linker Bewegungen“ mit den ReferentInnen Red Devil (revolutiontimes) und Nelke (soziale Befreiung) stattfinden. Wir sehen uns jedoch gezwungen, diesen Vortrag hiermit abzusagen. Der Grund dafür sind die auf der Homepage von revolutiontimes* veröffentlichten und teils von Red Devil selbst unterzeichneten Texte.
Leider haben wir uns mit diesen Texten zu spät auseinandergesetzt, was sicher ein Fehler war, da unsere späte Absage für die OrganisatorInnen möglicherweise Unannehmlichkeiten bedeutet, die wir bedauern. Die Texte** lassen uns jedoch keine andere Wahl, da sie in einem für uns nicht vertretbaren Ausmaß geschichtsrevisionistische Argumentationen und Behauptungen enthalten:

1) Insbesondere beziehen wir uns auf die Gleichsetzung des nationalsozialistischen Regimes und mit den übrigen kapitalistischen Staaten, bzw. die Gleichsetzung der nationalsozialistischen Verbrechen mit der alliierten Kriegsführung. Z.B. werden beide Seiten unterschiedslos als „kapitalistische Barbarei“ oder als Imperialismus bezeichnet, der 2. Weltkrieg als „ein weiterer imperialistischer Krieg […] auf Kosten der Arbeiterklasse“, in dem es „keine richtige Seite“ gibt. Ein weiteres Zitat: „[…] Dabei waren die Arbeiter [Anm. und die Arbeiterinnen?] auf der einen Seite genauso wenig verantwortlich für den Ausbruch des Krieges wie die auf der anderen; im Gegenteil litten sie ebenso unter den schrecklichen Folgen des von allen Staaten vorbereiteten und gewollten Abschlachtens.“

2) Auschwitz wird zu einem von vielen Verbrechen des Imperialismus erklärt, das in einer Reihe mit Hiroshima und Dresden steht; die Besonderheit des Holocaust wird dadurch bewusst negiert, ebenso wie durch Sätze wie „Weder der Rassismus noch der Massenmord noch der Mord durch Arbeit stellten etwas Neues dar“, oder: „Die Nazi-Barbarei konzentrierte wie auch die Sowjetunion in wenigen Jahren die Schrecken, welche die anderen kapitalistischen Staaten in mehreren Jahrzehnten verübt hatten.“ Einen ähnlich relativierenden Effekt hat die völlig undifferenzierte Verwendung des Begriffs „Konzentrationslager“ sowohl für die NS-Vernichtungslager als auch für die Internierungslager „des westlichen Kolonialsystems“.

3) Weiters ist für uns inakzeptabel, dass Behauptungen aufgestellt werden, die nicht auf Fakten beruhen, sondern auf Thesen rechter GeschichtsrevisionistInnen (etwa Aussagen bezüglich Ilja Ehrenburg, der Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen und teilweise zum alliierten Bombenkrieg).

4) Zum Thema Antifaschismus ist zu sagen, dass wir die Kritik von revolutiontimes an manchen Formen des bürgerlichen Antifaschismus - dass Antirassismus ohne Antikapitalismus betrieben wird - zwar unterstützen. Problematisch wird es aber, wenn dieses Verdikt auf alle AntifaschistInnen übertragen wird. Gänzlich inakzeptabel ist es, wenn auf diese Weise der gesamten Antifaschismus delegitimiert wird, während gleichzeitig Geschichtsrevisionismus verharmlost, ja sogar legitimiert wird: „Der Massenmord an den Juden wurde nahezu religiös verklärt, so dass jeder, der die verbrechen der Alliierten bei Namen nennt, sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, er sei ein Revisionist.“

Wir unterstellen den ReferentInnen weder, dass sie Rechte sind, noch dass sie die Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen beabsichtigten: Fakt ist aber, dass ihre Texte genau diese Wirkung haben, und dass gerade die Verbindung von berechtigter Kritik mit geschichtsrevisionistischen, leider immer mehr konsensfähigen Thesen umso gefährlicher ist. Angesichts der neokonservativen Offensive und als Gruppe, für die Antifaschismus ein zentrales Element ihrer Arbeit ist, wollen und können wir daher Personen, die solche Texte verbreiten, kein Forum bieten. Geschichtsrevisionismus und Relativierung der Shoa markieren für uns die Grenzen der Diskussion.

Mayday 2000 Graz und das Alternativreferat der ÖH Uni Graz

MayDay Graz, Graz am 09.03.2004

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