Abschließende Stellungnahme von mayday 2000 zur Palästina-Veranstaltung mit Fritz Edlinger
Kein Schulterschluss mit IdeologInnen und FördererInnen des Antisemitismus!
Am 16. Dezember fand an der Universität Graz die von Fritz Edlinger moderierte Veranstaltung zu Palästina statt, die im November vom Rektorat untersagt worden war. Mayday 2000 und andere UnterzeichnerInnen eines Protestschreibens hatten gegen den Auftritt Edlingers protestiert, der 2005 die wüst antisemitische Hetzschrift „Blumen aus Galiläa“ des Autors Israel Shamir im Promedia Verlag herausgebracht hatte. Am Tag der Veranstaltung distanzierte sich Edlinger in einer Pressekonferenz und abends vor dem Vortrag vom Buch: Zwar konnte er auch jetzt nur einige wenige „absolut inakzeptable Passagen“ ausmachen, doch bezeichnete er die gesamte Herausgabe als „Fehler“, den er „bedauerte“. Durch die Diskussionen der letzten Zeit sei ihm, dem der ganze Text sehr wohl bekannt gewesen war, bewusst geworden, dass „einige Passagen schweren Anstoß für Antisemitismus gegeben haben.“ Edlinger nannte den Autor Shamir einen „Menschen, an dem man nicht anstreifen sollte“ und sagte zu, jegliche Bewerbung des Buches einzustellen, wenn er auch seinen Fehler hauptsächlich als taktischen einstufte.
Alle, die diesen Protest unterstützt haben und dabei geblieben sind, können es als Erfolg betrachten, dass Edlinger sich zu dieser Distanzierung durchringen musste. Dies wurde erreicht, weil wir eben nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen sind, wie es die VeranstalterInnen und MitorganisatorInnen von uns gefordert hatten: mit Argumenten wie, es ginge ja bei der Diskussion gar nicht um das Buch „Blumen aus Galiläa“, wir dürften doch einen Vortrag zu Palästina nicht torpedieren oder es sei nicht im Sinne der Meinungsfreiheit, den Auftritt Edlingers zu verhindern. Im Kampf gegen ein massiv antisemitisches Buch sind die erstmals in Österreich ausgelöste breite Diskussion und die Distanzierung des Herausgebers ein wichtiger Schritt gegen die Verbreitung dieser Hetzschrift.
Daher möchten wir nochmals den Lehrenden und dem Rektor der K-F-Universität für ihre Unterstützung des Protests bzw. die ursprüngliche Entscheidung bezüglich Edlingers Auftritt danken.
Dennoch hat die Auseinandersetzung um die Veranstaltung einen Normalzustand der Ignoranz und Gleichgültigkeit gegenüber dem Antisemitismus geoffenbart, der erschreckend ist. Organisationen wie die derzeitige ÖH-Exekutive und das „Institut für Völkerrecht“ als RepräsentantInnen einer kritischen Öffentlichkeit waren bereit, auch eine Zusammenarbeit mit einem Moderator aufrechterhalten, der sich von der Herausgabe einer antijüdischen Hetzschrift nicht distanziert. Die KPÖ bot Edlinger ihre Räumlichkeiten an, als von einer Distanzierung seinerseits noch keine Rede war und erklärte dazu gegenüber dem „Falter“ nur, es gebe wichtigere Themen als Antisemitismus („Falter“ am 14.11.05). Die „Steirische Friedensplattform“ verteidigte in einer Radiodiskussion am 14.12.05 überhaupt das Buch Shamirs, konnte darin nur - auch als sie mit den entsprechenden antisemitischen Zitaten konfrontiert wurde - eine „blumige Sprache“ sehen und forderte sogar zum Kauf dieses Machwerks auf.
Sowohl Edlinger selbst als auch seine AnhängerInnen stellten sämtliche Kritik am Antisemitismus als Instrument im Dienste der israelischen Regierung hin und warfen uns und den UnterzeichnerInnen unseres Protests vor, „das Geschäft Sharons“ (Pressekonferenz am 16.12.05) zu betreiben; nicht einmal die Unterstellung, Mayday 2000 würde von Israel bezahlt oder arbeite mit dem israelischen Geheimdienst zusammen, war zu absurd, um nicht ernst gemeint zu sein. Niemand in der Palästina-Solidaritätsszene war bereit, sich öffentlich dieser Tendenz entgegenzustellen und das Anliegen, schlicht und einfach dem Antisemitismus keine Legitimation verschaffen zu wollen, zu akzeptieren, ohne uns als Teil einer Verschwörung in israelischem Auftrag zu sehen.
Während ständig behauptet wurde, man dürfe gegen Israel nichts mehr sagen und Edlinger explizit „jüdische Journalisten“ („Der Standard“ 15.12.05) für dieses vermeintliche Verbot verantwortlich machte, wurde selbst der offene Antisemitismus in Shamirs Hetzschrift geleugnet und verharmlost.
Alarmierender Konsens innerhalb der VeranstalterInnen und MitorganisatorInnen war, dass Kampf gegen Antisemitismus sich erst vom grundsätzlichen Verdacht der „Einseitigkeit“ („Institut für Völkerrecht“) durch eine Kritik an der Politik Israels befreien müsse – und nicht für sich genommen ein legitimes und vor allem notwendiges Engagement ist. Wer, so z.B. Edlinger (Pressekonferenz am 16.12.05), wie Mayday 2000 keine Stellungnahme zum Nahostkonflikt präsentiere, sondern nur gegen Antisemitismus auftrete, handle absolut inakzeptabel. Wenn jene, die zu Antisemitismus nicht schweigen, sofort als KomplizInnen der israelischen Besatzung hingestellt werden, dann ist in den letzten Jahren wohl sehr viel falsch gelaufen.
Wir müssen und werden uns auf die geforderte Weise für unsere massive Kritik an Edlinger nicht rechtfertigen – denn mehr als vieles andere haben die Auseinandersetzungen um die Veranstaltung an der Universität gezeigt, dass der Kampf gegen Antisemitismus niemals zweitrangig sein darf, auch und gerade in einer linken oder kritischen Öffentlichkeit nicht.
MayDay Graz, Graz am 19.12.2005
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