Kriminalisierung des Widerstands in Graz
Am 17.8.00 berichtete die Kleine Zeitung:
"Drei Weisen sind morgen nicht im Hotel Weitzer"
17.08.00, 17:51
Mehrere Steirer wurden aufgefordert, morgen für eine
Befragung durch die drei Weisen bereitzustehen.
Einladung ist freilich eine Fälschung.
"Wir dementieren alles energisch, Mares Rossmann hat
damit nichts zu tun." Sicherheitshalber hat das Büro von
Staatssekretärin Rossmann (FPÖ) aber trotzdem die
Staatsanwaltwaltschaft eingeschaltet. Die Behörden
müssen jetzt versuchen, herauszufinden, von wem jener
eher plump formulierte und mit "Mares Rossmann,
Staatssekretärin" unter fertigte Brief tatsächlich stammt,
der in Graz für einige Aufregung sorgt. Mehrere Steirer
wurden in einem Schreiben aufgefordert, sich morgen,
Samstag, im Grazer Vier-Sterne-Hotel Weitzer einzufinden.
Der Grund: eine Befragung durch die "drei Weisen", die im
Auftrag der EU-14 die österreichische Innenpolitik
beobachten. Die drei Herren würden sich auch mit der
"Zivilbevölkerung" unterhalten wollen, die Auswahl sei per
Zufallsprinzip über das Melderegister erfolgt. Die
Empfänger hätten sichver mutlich über den skurrilen
Blödsinn zerkugelt und den Brief weg geschmissen, wäre
da nicht auch der Hinweis auf das Strafgesetzbuch
beigefügt. Unter Androhung von Stra fen wird verlangt, den
Inhalt des Schreibens geheim zu halten und kei nem
Dritten zugänglich zu machen. Und um es den drei Weisen
ein bisserl einfacher zu machen, wurde dem Brief auch ein
Fragebogen beigelegt, in dem die zur Befragung
Auserwähl ten ihre politische Gesinnungkund tun sollten.
Vorabeinzusenden an das Hotel Weitzer. Und dort sind
tatsächlich drei ausgefüllte Fragebögen eingelangt. Was
bei der völlig ahnungslosen Hotelchefin freilich für
Verwunderung sorgte: "Einen Fragebogen habe ich als
Kuriosum aufgehoben", möchte Katharina Weitzer
festgestellt haben, dass es sich beim Briefkopf mit dem
Logo des Hotels um eine "schlechte Fälschung" handelt.
Weitzer schließt aus, dass es irgend einen
Zusammenhang zwischen dem Briefver fasser und dem
Hotel gibt. Auch das Hotel hat die Behörden eingeschaltet.
Ðber die Motive des Briefeschreibers kann man nur
spekulieren. Möglicherweise gibt es einen persönlichen
Hintergrund, immerhin war die jetzige Staatssekretärin
Mares Rossmann als Stadträtin in Graz tätig. Es könnte
sich freilich auch um eine Aktion gegen die FPÖ im
Allgemeinen handeln, da die Parallelen zur so genannten
Grazer Spitzelaffäre (Vermerk der politischen Gesinnung
von Mitbürgern) der SPÖ unübersehbar sind. Es waren
damals vor allem die Freiheitlichen, die die verunglückte
SP-Aktion schärfstens verurteilten. Bleibt anzumerken,
dass Bundesregierung wie auch die Rezeption im Hotel
Weitzer einen Graz-Besuch der Weisen ausschließen.
Am 18.8.00 schließlich erschien in der Kleine Zeitung ein weiterer Artikel
zu diesem Fall. Darin heißt es, dass nach ersten Ermittlungen die Täter die
Gruppe Mayday Graz sein solle.
Daraufhin schickten wir diese Presseerklärung an die Kleine Zeitung und an
andere Medien:
Presseinformation
Abs.: Gruppe Mayday 2000 Graz Mayday2000graz@hotmail.com
www.blubb.at/mayday
Graz, 18.8.2000
Betrifft:
Stellungnahme zum Artikel "Die drei Weisen im Weitzer sind nur ein
schlechter Witz" von Robert Zechner, Kleine Zeitung 18.8.2000
Im gegenständlichen Artikel wird die Gruppe Mayday in Zusammenhang mit einer
strafbaren Handlung gebracht, in dem uns unter Berufung auf "erste
polizeiliche Ermittlungen" die Verantwortung für das gefälschte Schreiben im
Namen von Mares Rossmann unterstellt wird.
Wir stellen dazu fest: Mayday 2000 hat mit dieser Aktion nichts zu tun.
Sowohl von der Briefaktion als auch von angeblichen ersten Ermittlungen
gegen uns haben wir erst aus der Zeitung erfahren.
Wir wehren uns auf das heftigste dagegen, daß unsere Gruppe in die Nähe
einer strafbaren Handlung gerückt wird! In der Vorgehensweise der Polizei,
uns öffentlich eine illegale Tat vorzuwerfen - offenbar nur aufgrund unserer
regierungskritischen Arbeit ("Anti-Regierungs-Demonstrationen", wie es im
Artikel heißt) -, sehen wir den besorgniserregenden Versuch, legale
politische Aktivitäten, die sich gegen die ÖVP-FPÖ-Koalition richten, zu
kriminalisieren.
Eine solche Vorgehensweise der Polizei ist symptomatisch für die aktuelle
Situation, die schon seit Monaten auf erhöhten Druck gegenüber
regierungskritischen Organisationen und Einzelpersonen hinausläuft. Genau
diese Entwicklung wird Mayday 2000 in einem Schreiben thematisieren, das an
die drei Weisen ergehen wird, mit der Hoffnung, daß sie derartige
Geschehnisse in ihrem Bericht über Österreich berücksichtigen.
MayDay Graz
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