Widerstand, von der Straße auf den Gehsteig verbannt

An die 100 Demonstranten marschierten gestern früh durch Graz. Um ein deutliches Signal zu setzen auf der Straße - auf die die Aktivisten allerdings nur in Ausnahmefällen durften.

VON BEATE PICHLER

Sieben Grad? Die Temperaturanzeige auf der Leuchtreklame kann nicht stimmen. Es ist sechs Uhr früh, noch ziemlich finster - und saukalt.
Aber dafür ist ja ein heißer Krampusmorgen angesagt. Die Plattform "Checkpoint Austria" (laut Eigendefinition ein loser Zusammenschluss von Menschen, die vom Sozialabbau betroffen sind) will mit Straßenblockaden ein "deutliches Signal" gegen das Sparbudget setzen - und rund 100 junge Leute, offenbar vorwiegend Studenten, harren beim Treffpunkt vor dem Grazer Hauptbahnhof der Dinge, die da kommen.

Zunächst einmal werden Aufkleber verteilt ("Nein zu Bildungs- und Sozialabbau"), dann Parolen für Sprechchöre ausgegeben. Etwas lang der Text - doch bald zeigt sich, dass es ohnehin reicht, sich ein Wort zu merken. Widerstand.

Und los geht‘s. Mit Transparenten, einem Einkaufswagerl voller Flugblätter und Schokokrampussen, die ans Publikum verteilt werden sollen, mit einem Megaphon und mit dem Vorsatz, die Grazer aufzurütteln an diesem Dienstagmorgen. Und ihnen auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule oder wohin auch sonst eine Nachdenkpause zu verschaffen. Zwangsweise.

Es dauert nicht lange. Nur ein paar Meter zieht der Zug - dann sitzen schon die ersten. Und das mitten auf dem Zebrastreifen, der über den Eggenberger Gürtel führt. Und der Verkehr steht. Doch so schnell, wie die Demonstranten sich niedergelassen haben, wird ihnen auch wieder aufgeholfen: Die Polizei ist mit einem Großaufgebot zur Stelle - lässt den Zug nicht aus den Augen. Und lässt ihn vor allem nicht dorthin, wohin er möchte: auf die Straße.

Die Bahnhofskreuzung bleibt länger heiß umkämpft. Immer wieder gelingt es einigen, sich mit Fahrrädern und Transparenten in Szene zu setzen - und während noch auf der einen Seite publicityträchtig agiert und blockiert wird, gelingt auf der anderen der Überraschungscoup: Ein Lieferwagen bleibt mitten in der Gürtelkreuzung stehen, Musik dröhnt hinten von der Ladefläche. Volle Lautstärke, in die sich das Hupkonzert eines aufgebrachten Lkw-Fahrers mischt. Doch schließlich wird auch dieses Hindernis aus der Welt bzw. der Kreuzung geschafft, wird die Musik abgedreht (nicht freiwillig) und die nicht genehmigte Aktion aufgelöst.

Die Demo nicht. In geordneten Bahnen, dafür sorgt die Polizeiflanke, wird marschiert. Auf dem Gehsteig den Gürtel entlang, dann zur Rösselmühlkreuzung, wo für die erste genehmigte Blockade sogar Busse umgeleitet werden müssen. Hier dürfen die Aktivisten eine bestimmt Zeit lang stehen, auch der Lieferwagen. Und die Musik spielt - zu der eine Demonstrantin eine gelungene Feuershow abzieht.

Die Zaungäste bleiben trotzdem skeptisch. Kaum einer lässt sich ein Flugblatt in die Hand drücken, Worte wie "deppert" und "asozial" fallen - und immer wieder kommt die gleiche Ansage: Die da, die sollten "lieber was arbeiten gehen . . ."

Nur die Schokokrampusse, die finden trotzdem Absatz. Wenn auch nicht unbedingt reißend.

Und weiter geht‘s zum Radetzkyspitz, zur zweiten genehmigten Blockade, und schließlich Richtung Herrengasse. Ein letzter Sitzstreik vor der Tegetthoffbrücke, wieder staut sich‘s kurz, wieder wird aufgelöst. Letztes Ziel: das Landhaus.

Oder haben‘s die Aktivisten eher auf die Straßenbahn abgesehen? Mit ihren Bussen müssen die GVB ja schon großräumig ausreichen, jetzt noch . . . Doch die Polizei hat die Gruppe auch hier im Griff. Und nach rund vier Stunden löst sie sich auf.

10 Uhr ist es geworden.

Viel wärmer allerdings noch immer nicht.



Kleine Zeitung, 06.12.00

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